Erfahrungen und Gedanken


1,2,3....

Von Jasmin Stieger

 

Eins, zwei, drei … Wieviele kommen in die nächste Box?“

Auch drei!“

Eins, zwei, drei. Der Nächste!?“

Fünf in diese Kiste hier.“

Eins, zwei, drei, vier, fünf. Die hier blutet über der Kloake.“

Passt, die neben wir mit. Dann hier die fünfte.“

Sechs in die nächste!“

Eins, zwei, drei, vier fünf, sechs.“

Die braucht einen Pulli.“

Der Henne wird ein Hühnerpulli übergezogen, da ihr sehr viele Federn fehlen.

Wer kommt als Nächster? Wieviel bekommt ihr?“

Wir nehmen insgesamt 13 mit!“

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben […].“

Und so ging es weiter an diesem Abend. Bis 245 Hühner und zwei Hähne von ihrem bisherigen Stall in ein neues Leben gezogen waren.

 

Wieso Vögel? Das höre ich desöfteren. Ja, wieso?

Schon mit zehn Jahren habe ich mein erstes Buch über Eulen und Greifvögel in Händen gehalten. Bei der Wildtierhilfe waren Vögel meine liebsten Pfleglinge, wenngleich leider oftmals nicht die einfachsten. Ich kenne liebe Engagierte in der Stadttaubenhilfe und schätze die Arbeit der Eulen- und Greifvogelstation Haringsee sehr. Und 2015 habe ich von einem Verein namens „Rette (d)ein Huhn“ gelesen und einen Kalender erstanden. Das Tun und Engagement des Vereins habe ich auf Facebook immer verfolgt und so auch mitbekommen, dass (immer) Helfer gesucht werden, die in allen möglichen Dingen unterstützen. So habe ich im März 2017 meinen ersten Newsletter für den Verein fabriziert und heuer im Sommer zusammen mit meinem Lebensgefährten „Rette (d)ein Huhn“ beim „Helping Hands“-Tag auf Pippiland unterstützt. Das hat mich zum „verrückten Huhn“ gemacht.

Hühner? Warum ausgerechnet Hühner? Andere Leute haben diese Tiere lieber auf dem Teller. Außerdem kann man doch ohnehin nichts verändern, indem man ein paar Tiere vor dem Schlachter rettet. Katzen oder Hunde - ja, das würde man ja noch eher verstehen. Aber diese Federtiere? Und damit auch noch zum Tierarzt gehen?!

 

JA! Auch Vögel haben Persönlichkeit, davon bin ich fest überzeugt. Das können wir jeden Tag bei unseren eigenen beobachten. (Wir haben Wachteln als Liebhabertiere, einige davon sind Abgabe- oder Fundtiere.) Und genau deshalb blutet mir das Herz, wenn ich sehe, wie diese sensiblen und intelligenten Tiere in Hallen vor sich hin fristen müssen, ohne jemals das Tageslicht gesehen zu haben. Bis sie dann nach ihrem kurzen Leben in Kisten gestopft und zum Schlachter transportiert werden, weil sie „unrentabel“ geworden sind, da sie nicht mehr täglich ein Ei legen. Genau deswegen bin ich der Meinung, dass es gut ist Menschen in’s Bewusstsein zu rufen, woher ihre Lebensmittel kommen, die in diesem Fall auch einmal voller Leben gesteckt haben! Und ich finde ganz und gar nicht, dass man, weil das „Übel Massentierhaltung“ ein furchtbar großes ist, nicht auch im Kleinen etwas bewirken kann. Denn für jedes einzelne Henderl, das sich in Erde baden kann, in der Sonne dösend, Körner pickend und mit Artgenossen das Leben genießen darf - für jedes einzelne lohnt es sich!

Es lohnt sich auch wegen jedem einzelnen Menschen, der darüber nachdenkt, woher die Eier in seinem Kuchen aus dem Supermarkt kommen, weil ich ihm vielleicht einen Anstoss dazu gegeben habe. Jedem, dem bewusst wird, dass die Hühner, die sein Frühstücksei legen meistens genauso wenig glücklich sind, wie die auf maximalen Fleischansatz gezüchteten Masthühner, die „ja eh bis zu ihrem Tod ein schönes Leben hatten“. Und auch jedem, der in seinem Bekanntenkreis das Faktum verbreitet, dass Legehennen nach maximal eineinhalb Jahren „entsorgt“ werden, nur weil ihr Körper eine mehrwöchige Legepause braucht.

 

Dieses Ehrenamt ist vielleicht kein leichtes. Besonders dann, wenn man einen Teil der Tiere bei einer Ausstallung zurücklassen muss. Wenn man kranken Tieren nur mehr ein letztes liebevolles Geleit geben kann, während man ihre ausgezehrten Körper hält. Wenn man gegen Ignoranz mancher Menschen, die ihre Tiere nicht gut behandeln, ankämpfen muss. Wenn zuhause, während die eigenen Tiere im warmen Stall sitzen, die Gedanken um jene Hühner kreisen, die nicht so viel Glück im Leben hatten. Ja, es ist nicht einfach.

Aber es ist etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Denn jedes Huhn, das am Tag der Ausstallung den Legebetrieb verlassen wird, darf ab sofort leben! Ohne Eierlegezwang, in tiergerechter Umgebung, bei Menschen, die diese Tiere wahrnehmen als das, was sie sind: Lebewesen.

 




"Wenn Du eine weiße Feder siehst, lächelt Dir ein Engel zu."

 

Von Helga Pentsch 

 

Mein Name ist Sandy. Ich habe Nina und ihren Verein über meine Arbeit kennengelernt.

 

Ich bin Akkordarbeiterin in einer Produktionsfabrik. Mir wurde schon in die Wiege gelegt, was ich mal für einen Beruf haben werde.

Von meiner Kindheit zu erzählen, fällt mir sehr schwer. Meine Eltern habe ich nie kennengelernt. Ich bin in einem Heim aufgewachsen, wo nur darauf geachtet wurde, dass ich so schnell wie möglich arbeitsfähig bin. Ich konnte zu niemandem eine Bindung aufbauen, weil wir so unendlich viele waren. So unendlich viele auf engstem Raum, dass nicht jede dem Stress gewachsen war und das Kindesalter nicht überlebt hat.

Und kaum war ich imstande, produktiv zu arbeiten, wurden wir alle auf verschiedene Produktionsbetriebe aufgeteilt.

Spaß macht mir mein Beruf nicht. Ich verrichte täglich körperliche Schwerstarbeit, auch wenn viele denken, dass die Arbeit bei mir nur so flutscht. Es laugt mich unglaublich aus und doch bin ich gezwungen, es zu tun. Ich arbeite in einer riesigen Halle mit viel zu vielen anderen Kolleginnen und die Arbeitsbedingungen sind eine reine Katastrophe. Dass da das Betriebsklima des Öfteren zwangsläufig mal nicht passt und wir uns in die Haare kriegen, ist kein Wunder. Noch dazu wo wir, wenn wir Freizeit haben, keine Möglichkeit der Beschäftigung haben.

Ich arbeite fast nur mit Frauen zusammen. Meine Welt ist eine absolut männerfeindliche Welt, hier hat ein Mann keine Chance. Nur durch einen seltenen Zufall kommt es vor, dass sich ein Mann zwischen unsere Reihen verirrt.

Ich habe aber, im Gegensatz zu anderen Arbeitskolleginnen, mit meiner Arbeitsstelle noch Glück gehabt. Wir dürfen, wenn wir nicht arbeiten, in den Freibereich, der an unsere Arbeitsstätte angeschlossen ist. Man könnte jetzt meinen, dass wir dann am liebsten alle draußen sind. Aber mein Instinkt sagt mir, pass auf, da draußen könnte es lebensgefährlich für dich werden, weil es auch meist keinen geschützten Außenbereich oder ähnliches gibt. Daher halten wir uns eher in der Nähe unserer Halle auf, das scheint uns allen sicherer.

Unser Kantinenessen ist jeden Tag dasselbe. Es ist zwar so auf die Bedürfnisse der Arbeiterinnen abgestimmt, dass wir unsere optimale Leistung bringen, aber hie und da einen Salat oder Joghurt, das wär ein Traum! Oder eine Melone im Sommer, was würde ich dafür geben!

Wir werden von der Firma aus gegen Krankheiten geimpft und behandelt, damit sich keine Infekte oder Parasiten im ganzen Betrieb ausbreiten.

Kinder wollte ich nie, obwohl das meine Hauptaufgabe in der Fabrik ist. Ich bin da sehr im Zwiespalt, ich habe schon rein genetisch bedingt keinen Drang, Kinder aufzuziehen. Aber kriegen muss ich sie… auch genetisch bedingt…

Mich wundert ja, wer das alles, das wir so billig wie möglich produzieren, kauft? Machen sich die Käufer keine Gedanken, wie und unter welchen Umständen diese Produkte erzeugt werden? Lange hat man ja auch nichts von den furchtbaren Produktionsbedingungen von Textilien in Bangladesch gewusst, aber wir sind ja hier in Österreich! Manchmal sogar vor der Haustüre! Wird da nie nachgedacht darüber? Oder ist es den Menschen egal?

Wenn ich bald, sogar sehr bald, meine Leistung in der Firma nicht mehr bringe, werde ich durch jüngere, leistungsfähigere Kolleginnen ersetzt. Ich darf dann aber nicht in Pension gehen. Ich werde danach weiterverwendet, aber leider nur tot.

Mir persönlich ist es egal, als was ich weiterverwertet werde, ich fühle mich noch viel zu jung zum Sterben! Ich habe ja gerade erst mal ein Viertel meines Lebens gelebt. Und noch so wenig Schönes erlebt!

Wenn ich da nicht Nina und ihre Freunde kennengelernt hätte, die darüber nachgedacht haben, wie krank dieses Arbeitssystem ist. Sie wissen, sie können das System (noch) nicht ändern, aber sie können JETZT Leben retten! Und ich kann euch jetzt erzählen, wie es zugeht! Und vielleicht ändert der eine oder andere die Sichtweise auf sein Frühstücksei. Was ein Ei wirklich ist. Und wie es wirklich gemacht wird. Nämlich nicht von der Henriette auf der grünen Wiese mit ihren 5 Freundinnen auf dem Bauernhof, bei Licht, Luft, Wiese und Sonne! So will es unser Arbeitgeber den Konsumenten nämlich verkaufen! Das spielt es im wirklichen Leben nur ganz selten. Quasi nur, wenn man in der Lotterie gewonnen hat.

 

Und wenn Du eine weiße Feder siehst, lächelt Dir ein Engel zu. Weil dieses Huhn, dem die Feder vielleicht mal gehört hat, wahrscheinlich schon längst im Himmel ist, bei den Millionen anderen Hühnern, die jedes Jahr getötet werden. Und wenn ein Huhn unwahrscheinliches Glück gehabt hat, dann ist es eines von bisher über 10.000 geretteten Hühnern von RettedeinHuhn!

 

Hör ich da Kritik aus den billigen Reihen da hinten, dass ich und mein Schicksal zu sehr vermenschlicht werden? Ja natürlich, sagt das Billa-Schweinderl, der Zweck heiligt die Mittel!

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Sandy ist eine Hybrid-Henne. Sie ist genetisch so verändert, dass sie für die Eierindustrie das optimalste Ergebnis liefert. Sandy wurde z.B. der Bruttrieb weggezüchtet, damit sie ihre Eier nicht bebrütet.

Von Sandy weiß man alles - unterteilt in die Kategorien:

- Eierproduktion

- Eimerkmale

- Futterverbrauch

- Körpergewicht

- Vitalität

Man weiß z.B. genau, wie viel Futter sie pro kg Eimasse "verbraucht", wie viele Eier sie in welchem Zeitraum legt oder wie hoch das durchschnittliche Eiergewicht in welcher Lebensperiode sein wird.

In der Eierindustrie wird eben nichts dem Zufall überlassen und aus Leben eine Produktionsmaschine gemacht...

 

 

 


Auf das Huhn gekommen

 

Von Angelika Trinkel (Mitglied des Vereins „Rette.dein.Huhn“ und gelegentliche ehrenamtliche Helferin)

Die Größe einer Nation und ihre moralische Reife lassen sich daran bemessen, wie sie ihre Tiere behandeln.“ (Mahatma Gandhi)

 

Es ist stickig und heiß. Und dunkel. Was vermutlich ohnehin besser ist. Ich sehe kaum, wohin meine Füße treten. Der Schweiß rinnt mir übers Gesicht und den Rücken hinunter, mir ist schwindlig und die Ellenbogen und Unterarme sind schon voller Blutergüsse von den harten Transportboxen.

Man ahnt, dass hier tausende Leben in der düsteren Dunkelheit sind. Eigentlich weiß ich es ja. Trotzdem liegt eine tödliche Stille in der riesigen Halle. Tausende Leben, die morgen ausgelöscht werden. Auch das weiß ich. Einige davon können wir aber mitnehmen. Heute. Jetzt.

 

Sie haben Angst, manche kreischen vor Panik, wenn sie aus dem Schlaf gerissen, in die flachen, weißen Kisten gesteckt werden. Andere sind wie gelähmt. Verängstigt kauern sie dann darin, wagen sich oft kaum zu bewegen, kaum zu atmen oder einen Laut zu tun. Sie wissen nicht, dass dieser Schreck, der ihnen gerade durch Mark und Bein fährt, ihre einzige Chance ist. Ihre einzige Möglichkeit, aus der Hölle in den Himmel zu gelangen, ohne zu sterben. Ihre einzige Chance, zu überleben.

Sie sind gerade mal 16 Monate jung, Fronarbeiterinnen, im Dienste der Menschheit, ungesehen und ungehört von all den Menschen, die ihr Produkt gedankenlos konsumieren. Billig muss es sein. Billig müssen auch sie sein. Billig und anspruchslos. Und funktionieren, Leistung bringen, tagein tagaus. Bis der kleine Körper nicht mehr kann, ausgelaugt ist und nach Erholung schreit. Doch diese Regeneration wird jenen ausgebeuteten Lebewesen nicht gegönnt. Man wirft sie einfach weg. Wie Abfall. Und holt junges, frisches Leben nach, das die geforderte Leistung wieder erbringt.

Sie haben nicht einfach nur Pech gehabt, sie werden absichtlich genetisch so gestaltet. Dass sie funktionieren wie Maschinen. Ungefragt, ungesehen und ungehört. In riesigen Hallen. Doch es sind junge, lebendige Wesen, die Angst und Schmerz empfinden, die da vegetieren müssen unter lebensunwürdigen Bedingungen, in permanentem Stress und ohne Fürsorge und Geborgenheit, die eigentlich jedes Lebewesen braucht und sucht. Für einige wenige Monate. Bis auch deren speziell gezüchtete Hochleistungskörper alle Reserven verbraucht haben und sie für uns Menschen nicht mehr rentabel genug sind, um uns billige Produkte zu liefern. Dann beginnt der grausame Kreislauf aufs Neue.

 

Wir sind heute hier, um diesen Kreislauf des Grauens wenigstens teilweise zu unterbrechen. Dem Kreislauf zwischen anonymer Geburt, grausamer Ausbeutung und brutaler Schlachtung von Lebewesen ein Schnippchen zu schlagen.

Ein kleiner, bunter Haufen vom Verein „Rette.dein.Huhn“ ist heute Nacht bei einem Eierproduzenten in Österreich und holt einige hundert unrentabel gewordene Legehennen aus der Massentierhaltung, um sie an private Halter in schlachtfreie Lebensplätze zu übergeben. Viele mehr, tausende andere müssen wir zurücklassen. Sie werden morgen auch geholt. Vom Schlachter. Um nach monatelanger Fronarbeit unter teils unwürdigsten und artwidrigen Haltungsbedingungen im Alter von 16 Monaten bestenfalls als Hundefutter oder Formfleisch zu enden.

Ein Huhn hat normalerweise eine Lebenserwartung von 8 – 15 Jahren. Eine Legehenne darf nur ca. 16 – 18 Monate alt werden, bis sie unrentabel und entsorgt wird. Ein Masthuhn wird gar im Alter von 4 - 6 Wochen geschlachtet, da es sonst aufgrund der vom Menschen genetisch veränderten Anatomie zu dick wird und die Beine brechen oder es an Kreislaufversagen stirbt.

 

DAS alles steht nicht auf den Eierverpackungen im Supermarkt! Die Bilder der nackten, blassen Hennen, die im schlimmsten Fall - in der in Österreich erlaubten Bodenhaltung - niemals Tageslicht, Sonne, Gras oder ein Sandbad erleben, sondern ihr Leben lang dem permanenten Stress der Massengruppenhaltung in riesigen Hallen ausgesetzt sind, dringen nicht zu den Konsumenten durch. Diese Bilder würden den Genuss des Frühstückseies und des Sonntagskuchens wohl erheblich schmälern, wenn nicht gar manchem den Bissen im Hals stecken bleiben lassen. Das „glücklich Huhn“ auf der Verpackung und im Prospekt existiert nur in den Köpfen der Werbefachleute und manch blauäugiger Konsumenten. Aber nicht in der Eierindustrie. Auch Bio-Freilandhennen leben in nicht artgerechten Großgruppen von bis zu mehreren tausend Tieren, sind permanentem Stress ausgesetzt und werden mit 16 Monaten weggeworfen. Das Lebewesen ist nichts wert. Nur das Endprodukt zählt. Und das soll möglichst billig und im Überfluss im Supermarktregal liegen. Dass daran Schmerzen, Blut und Tod kleben, will der Konsument nicht wissen. Und soll er auch nicht.

 

Vor einigen Tagen durfte ich bei „meiner“ eingangs beschriebenen 6. Ausstallung dabei sein und mithelfen, einigen hundert Legehennen eine 2. Chance zu geben. Und es ist immer wieder eine emotionale Achterbahn, auch wenn man schon einiges gewohnt ist.

Aber wie kam ich eigentlich dazu, mich in meiner Freizeit für Massenhaltungshühner zu engagieren?

Ich bin mit Hühnern aufgewachsen. Sie bereicherten meine Kindheit. Mein Großvater hatte immer eine Schar von 20 - 50 Hühnern und so hatte ich schon als Kind die Möglichkeit, zu erfahren, was für ein interessantes und spannendes Wesen ein Huhn doch sein kann. Wer der Meinung ist, ein Huhn sei einfach nur dumm, der hat leider keine Ahnung. Ich hatte natürlich immer meine Lieblingshennen und einen Lieblingsgockel.

 

Irgendwann wurde ich in den sozialen Netzwerken auf den jungen Verein „Rette.dein.Huhn“ aufmerksam und verfolgte dessen Tätigkeit, die damals noch ganz am Anfang stand, mit großem Interesse und Enthusiasmus, dass es wirklich Leute gibt, die sich auch um ausrangierte Legehennen kümmerten und für die auch das Leben eines „Nutz“-Tieres genau so viel wert ist, wie das eines Hundes oder einer Katze. Eier aus dem Supermarkt hatte ich auch damals schon nicht mehr gekauft und als jahrzehntelange Vegetarierin sah ich auch in Hühnern in erster Linie das intelligente, spannende und liebenswerte, lustige Lebewesen.

 

Im Sommer 2015 las ich, dass in der Nähe meines Wohnortes eine Ausstallung mit anschließender Vergabe der Tiere an private Lebensplätze geplant war und in mir wuchs der Wunsch, aktiv mithelfen zu können. Ich kontaktierte den Verein und bekam rasch Antwort. Am besagten Abend war ich dann Vorort und wurde gleich ohne viel Getue in die Aktion eingebunden. Alle Beteiligten packten an und arbeiteten Hand in Hand unter der Direktive von Obfrau Nina. Es war ein homogener Haufen Hühnerretter, in dem ich da gelandet war, und ich fühlte mich von Anfang an wohl und willkommen. Es wurde nicht lange herumgefragt, ich war einfach da, half mit und war Teil der Hühnerrettungsaktion. Unvergesslich bleibt mir auch Ninas Ausspruch nach erledigter Ausstallung: „Du waßt jo sogoa, wia ma a Hendl festhoit!“, was ich natürlich als dickes Lob auffasste.

 Diese erste Ausstallung beeindruckte mich sehr und so riss der Kontakt zum Verein bis heute nie ab, was sicher auch daran liegt, dass ich mit den Funktionären des Vereins auf einer ähnlichen Wellenlänge bin und mir die Art und Weise, wie der Gnadenhof geführt und die Aktionen durchgeführt werden, persönlich sehr entgegenkommt. Immer wieder half ich so bei Aktionen wie den Hühnerstall auf Pipiland streichen oder weiteren Ausstallungen und Verteilungen an die neuen Besitzer mit oder betreute mit anderen Vereinsmitgliedern den Info-Stand auf der Haustiermesse in Wien.

 

Nach einem Tag oder einer vollbrachten Aktion im Rahmen des Vereins „Rette.dein.Huhn“ finde ich mich stets hin und her gerissen in ambivalenten Gefühlen und bin immer sehr viel am Nachdenken…

 

Einerseits bin ich mitten drin im Rad des technischen Konsum-Alltags mit all seinen Annehmlichkeiten, aber auch Anonymitäten und Absurditäten, die das Stadtleben mit sich bringt – andererseits ist da die sehnsuchtsvolle Ahnung im Bauch, aber auch das Bewusstsein, dass da mehr sein muss.

 

Einerseits helfe ich einmal mit, Hühner zu retten, in dem vollen Bewusstsein, dass diese paar Lebewesen, die wir da den neuen Besitzern übergeben, zumindest die erlittenen Qualen und Ausbeutungen hinter sich lassen und vielleicht noch einige Jahre das glückliche Leben führen dürfen, das ihnen zusteht – andererseits begebe ich mich danach gleich wieder in das Hamsterrad, gehe in den Supermarkt und kaufe Dinge, die mit genau der gleichen Profitgier und Herzenskälte produziert wurden, die „unsere“ Hennen erfahren haben.

 

Einerseits komme ich auf Pipiland, um zu helfen, ein paar Stunden oder einen Tag, schwitze, mach‘ mich dreckig und falle abends erschöpft und glücklich ins Bett mit dem Gefühl, auch mal was Sinnvolles abseits meines banalen Büroalltags gemacht zu haben. Für mich ist das ein erfüllendes Ereignis, das mir wieder Kraft gibt – andererseits weiß ich, dass Nina mit ihrem engeren Team JEDEN Tag dran hängt, mit der Führung des Vereins, der Organisation der Ausstallungen, der Vermittlung all der geretteten Hennen und der ungewollten Hähne, und nicht zuletzt mit der Versorgung und Betreuung der vielen ausrangierten Wesen, die auf Pipiland ihren Lebensabend verbringen dürfen – als Individuen, respektiert und in Würde, und die dort auch in Würde sterben dürfen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist.

 

Einerseits beutelt es mich innerlich wild ab und ich trauere um die verletzte Henne, die wir kurz nach der Rettung einschläfern mussten und die mich in den letzten Minuten vor ihrem Tod noch ansah, als wolle sie unbedingt die neu gewonnene Freiheit noch nicht wieder so schnell aufgeben. Aber auch schien es mir, sie wäre dankbar, dass sie in unseren warmen, schützenden Händen sterben durfte und nicht mit tausend anderen unrentabel gewordenen Leben im kalten Schlachthaus anonym und lieblos entsorgt wurde – andererseits kaufe ich tote Tiere, um meine über alles geliebten fleischfressenden Katzen möglichst gesund und artentsprechend zu ernähren, und unterstütze damit genau solche Grausamkeiten. Ambivalenz ohne Ausweg.

 

Warum mache ich das? Warum spende ich Freizeit, stehe samstags auch schon mal um 4.00 Uhr morgens auf, fahre ich fast 200 Km an einem Tag, um mitzuhelfen, Hühner zu retten?

 

Ich weiß, dass die meisten meiner Bekannten das nicht verstehen können, vermutlich auch gar nicht verstehen wollen. Vielleicht will ich mir auch nur ein ganz klein wenig gutes Karma „erarbeiten“, ein ganz klein wenig Wiedergutmachung dafür, was ich, wir, die ganze Menschheit der Natur und ihren Kreaturen antun. Vielleicht auch, weil ich mich in der Gesellschaft jener Menschen, die da auch immer mithelfen, sehr wohl fühle, es liegt irgendwie die Energie des gemeinsamen Schaffens in der Luft. Und wer jemals ein Leben gerettet hat, der weiß, welch unbeschreibliche Energie dabei entsteht.

 

Und wenn ich sehe, wie manch neue „Hühnereltern“ sich beim Abholen der Tiere auf ihre Hennen freuen und wenn ich auf Pipiland die Hühner erlebe, wie sie in Kleingruppen frei leben, im Gras herum picken, scharren und Sandbäder nehmen oder ein Insekt zick-zack über die ganze Wiese verfolgen, wie sie einfach Huhn sein dürfen, egal, ob sie noch Eier legen oder alt und blind sind, dann fühlt sich das ganz einfach RICHTIG an. Richtig für das Huhn und richtig für mich.

 

Wie oft hat man schon die Gewissheit im Leben, dass etwas wirklich richtig ist?!

 

Wir werden niemals alle retten können, aber jede einzelne Seele ist es wert! Weil jedes einzelne Leben zählt!

 

Und mit dieser Gewissheit und Hühnerkacke an den Schuhen fahre ich auch nach dieser letzten Ausstallung in jener Nacht wieder erschöpft nach Hause. Und freue mich über die paar hundert geretteten Leben und trauere um die paar tausend Leben, die wir nicht retten konnten. Aber dann kommt mir auch der Gedanke, dass es nicht in erster Linie darum geht, so viele Hennen wie möglich zu retten, auch wenn das natürlich ein Ziel ist, sondern darum, dass es überhaupt geschieht. Dass es da diesen kleinen Verein gibt, mit einer ganz tollen und bewundernswerten Obfrau, die immer da ist und ihre Helferleins unermüdlich motiviert, einteilt und alles koordiniert, dass da die anderen ehrenamtlichen Helfer sind, die sich alle für das Leben derer einsetzen, die selbst keine Chance haben, überhaupt gehört oder gesehen zu werden.

 

Wir ziehen alle an einem Strang und ich hoffe, dass vielen Menschen vielleicht dadurch bewusst wird, welches Leid und welches Unrecht hinter dem Ei in ihrem Sonntagskuchen steckt. Und welch wundervolle, spannende, lustige, intelligenten Geschöpfe dafür versklavt und missbraucht werden. Und dass es keinen moralischen Unterschied geben sollte, zwischen den Lebewesen, die neben einem auf der Couch liegen, und jenen, die in abgelegenen Tierfabriken empathielos ausgebeutet werden.

 

Manchen wird es weiterhin egal sein, aber manche werden wir anregen nachzudenken und vielleicht sogar motivieren, ihre Einstellung zum Leben - ihres eigenen und das der anderen - und ihr Verhalten und dessen Auswirkungen auf andere Lebewesen zu überdenken.

 

Wir, als Menschen und als Konsumenten, haben die Wahl und die Möglichkeit, durch unser Verhalten etwas zu verändern. Es erfordert oft nicht einmal viel Überwindung oder Anstrengung. Aber doch zumindest ein wenig Empathie.

 

Wir betrachten uns immer gerne als die Krone der Schöpfung. Werden wir dieser Bezeichnung doch endlich wenigstens auch nur ansatzweise gerecht!

 


HühnerGeleit durch die Unendlichkeit

von Roswitha Rhomberg

 

… sie kamen zu mir auf Grund einer Ausstallung. So nennen es die menschenartigen, wenn Legehennen für sie finanziell unrentabel werden und sie sie daher töten, bzw. töten lassen. Soviel zu diesem Begriff „Ausstallung“.

 

„Wie ist sowas überhaupt möglich“, fragte ich mich, als mich als Hühner-Neuling dieses Wort wie ein Keulenschlag traf, … „Leben zu töten, das einfach nur leben will, genau wie Ich und Du? – was läuft da entgegen die Schöpfung?“

 

Antwort auf diese Frage bekam ich zwar im Moment keine, a b e r ICH BIN ja da, um Veränderung einleiten zu können und so zogen flugs darauf 3 dieser wunderbar speziellen Hühnerseelen bei mir ein.

 

Ich gab ihnen die Namen Josefine, Kleopatra und ELI, wobei ELI die Abkürzung für Energie-Liebe und Information ist. Ich hatte darüber in einem Buch von Dr.König gelesen, daß es diese 3 Worte sind, wie die die Welt funktioniert. … also würde sie damit auch für meine 3 neuen Gefährtinnen funktionieren..

 

„Das schöne ist“, dachte es da bei der Namensgebung sofort in mir, „daß ICH das alles zur Verfügung habe, alles in mir ist – Energie? hab ich … Liebe? Bin ich sowieso und Information? kann ich auch geben und sogar die beste, weil sie direkt aus meinem Herzen kommt … ergo konnte da so wirklich „nix“ schieflaufen.

 

Und so blieb es auch. Ich sah und lernte so viel von ihnen, ich trat zurück und war erstaunt, wie sie die Welt sehen, erleben, erlieben … indem sie einfach da sind und sich verschenken.

 

Viele meiner alten Glaubensmuster in Bezug auf rennen-hasten-eilen verabschiedeten sich durch sie, denn sie machten mich gewahr, wie es sich anfühlt Zeit einfach zu geben. … „Ich bin da – du bist da – Zeit ist da und zwar in Form der Ewigkeit – also … ??? Ist doch so einfach! Meinst du nicht auch ?“

 

So schön , ja wirklich … so schön verlief und läuft unsere Zeit miteinander, bis mir Kleopatra und Josefine in ihrer liebevollen Art signalisierten, daß es Zeit für eine Übersiedlung ins nächste Reich wird und die Art, wie sie mich das an- und ausfühlen ließen, brachte nur demütige Dankbarkeit für alle Hühnerseelenwesen in mir hervor, sie holten das beste aus mir heraus … LIEBE!

 

Ich hatte sie ja bei ihrem Einzug schon wissen lassen, daß Eierlegen nur mehr ihre eigene Freiwilligkeit sei, denn als TierleidFreiEsser bräuchte ich diese nicht. Und so taten sie auch … anfangs legten sie zu dritt 2 Eier, dann mal Pause und zuletzt oft an einem Tag zu dritt 1 Ei als Gemeinschaftsgeschenk.

 

Langsam, aber stetig bemerkte ich eben bei Kleopatra und Josefine einen gewissen Rückzug, so als ob sie schon mit einem Teil vorübersiedeln würden, bis sie sich eines Tages nicht mehr so bewegten, lieber liegenblieben in der Früh auf ihrem Strohbett. Ich hatte ja inzwischen bei anderen liebenden HühnerAufnahmeprofis nachgefragt, wie sich das denn alles zeigen wird, wie ich erkennen kann, was zu tun sei, wenn …

 

„Es gab nichts zu tun, alles geschah einfach und ich bewegte mich mit dem Herzen nur mit.“

 

Als ich bemerkte, daß es so sein sollte und wollte, packte ich sie abends im Stall nochmals gut mit frischem Heu ein – ganz eng nebeneinander – und sagte ihnen, daß alles gut sei, daß ich ihnen danke für alles, was sie mich lehrten und daß ich weiß, daß diese Übersiedlung ja nur ein Formwandel sei und wir ohnehin nie getrennt sein könnten.

 

Mit diesen Worten vorverabschiedete ich mich leise, um ihnen meine menschliche Traurigkeit nicht spüren zu lassen.

 

Am nächsten Morgen, als ich in den Stall kam, … waren sie übersiedelt … ins nächste Reich … ins nächste Glück. Ich streichelte ihre schon steifen Körper und weinte und weinte …und welch ein Ereignis !

 

Während meine Tränen sie noch beregneten, kamen mir freudestrahlend ihre Seelen von der nächsten Instanz aus schon wieder entgegengelaufen mit ganz lauten Stimmen und sie gackerten: „Oh wie schön, da ist jemand, der um uns weint. Viele Milliarden unserer Geschwister geben ihr Leben, um euch Menschen wieder an die mitfühlende Liebe zu erinnern und wir beide, ich Kleopatra und meine Schwester Josefine haben es tatsächlich geschafft, daß du Roswitha um uns weinst, Tränen der Liebe und alle Hühnerseelen sind dadurch nicht umsonst gestorben …“

 

Als Nachtrag zu meiner wahren G´schichte innerhalb meiner eigenen Geschichte erzähle ich noch, daß ELI noch bei mir ist und vorigen Sonntag durften dann 3 weitere Hühner nachrücken zu mir nach Hause und so leben wir Jetzt im Hier zu fünft und gackern fröhlich-liebend unseres Weges >>> Ich Roswitha-Mensch, zusammen mit ELI, samt Neuzugang Gockelhahn Veggruf und Christa und Margit als Hühnerladies …………………..

 

 

Aufgeschrieben am 8.12.2015 …. D a n k e …. Roswitha Rhomberg